Eine Kundin im B2B-Software-Bereich rief mich neulich an: "Stimmt es, dass Pardot abgeschaltet wird? Wir haben gerade erst zwölf Engagement Studios live, das war ein Sechs-Monats-Projekt." Die Antwort ist differenzierter, als die meisten Marketing-Verantwortlichen vermuten. Salesforce hat für Marketing Cloud Account Engagement (ehemals Pardot) keinen Sunset-Termin angekündigt. Aber der strategische Investitions-Fokus liegt sichtbar bei zwei neuen Editionen: Marketing Cloud Growth und Marketing Cloud Advanced.
Wer heute Pardot produktiv nutzt, sollte verstehen, was das konkret bedeutet, wann gehandelt werden muss und wann ein Verbleib die richtige Antwort ist. In diesem Artikel zeige ich, wie ich aktuell mit meinen Marketing-Cloud-Kunden über die Roadmap spreche.
Was Salesforce 2024 bis 2026 tatsächlich kommuniziert hat
Auf der Connections 2024 hat Salesforce Marketing Cloud Growth und Marketing Cloud Advanced als neue Editionen vorgestellt, beide nativ auf der Salesforce-Core-Plattform, mit Data Cloud als Datenbasis und Agentforce für KI-Funktionen. Auf der Connections 2025 wurde dieser Kurs bestätigt und um Marketing Intelligence sowie Personalization-Funktionen erweitert.
Wichtig in der Sache: Account Engagement (Pardot) ist offiziell nicht im End-of-Life-Status. Es gibt keinen Abschalt-Termin. In den offiziellen Release Notes für Account Engagement werden weiterhin Updates dokumentiert. Salesforce hat zudem in mehreren Releases neue Funktionen wie Agentforce Campaigns auch für bestehende MCAE-Kunden ausgeliefert. Der Unterschied: das Tempo und die Tiefe der Innovation verschiebt sich klar zu Growth und Advanced.
Die Praxis-Übersetzung: Pardot bleibt eine valide Plattform für stabile B2B-Setups. Wer aber heute neu aufsetzt oder die nächste Plattform-Wahl in den nächsten 24 Monaten trifft, sollte nicht mehr in Pardot investieren, sondern Growth oder Advanced bewerten. Den breiteren Kontext der aktuellen Salesforce-Produktfamilie habe ich im Überblick zum Salesforce-Universum beschrieben.
Marketing Cloud heute: Account Engagement, Growth, Advanced im Vergleich
Wer das erste Mal über die neuen Editionen liest, fragt sich zu Recht: Welche Edition macht für mich Sinn? Hier eine ehrliche Einordnung aus meinen Beratungsprojekten.
| Edition | Zielgruppe | Stärke | Einstieg ab (EUR/Monat) |
|---|---|---|---|
| Account Engagement (Pardot) | B2B-Mittelstand mit etabliertem Setup | Reife B2B-Funktionen, Engagement Studios, Score-Modelle | ~1.250 (Growth-Lizenz) |
| Marketing Cloud Growth | KMU und Mittelstand, neuer Aufsatz auf Salesforce-Core | Native auf Salesforce, Flow Builder, Agentforce-Integration | ~1.500 |
| Marketing Cloud Advanced | Enterprise mit hohem Volumen und KI-Anspruch | Mehrkanal-Orchestrierung, Data Cloud, Einstein, Advanced Personalization | individuell (deutlich höher) |
Preise sind Listen-Einstiegswerte und Stand 2026. Salesforce verhandelt jeden Vertrag individuell, abhängig von Kontaktvolumen, Modulen und Vertragslaufzeit. Eine seriöse Aufwands- und Lizenz-Schätzung braucht immer ein konkretes Sales-Gespräch und parallel ein Vergleichsangebot von HubSpot oder einem unabhängigen Berater.
Account Engagement (Pardot)
Reife B2B-Plattform mit eigenständigem Datenmodell. Stärken: Engagement Studios, Score- und Grade-Modelle, Custom Redirects, etablierte Forms- und Landing-Page-Funktionen. Schwächen: separate Plattform-Logik außerhalb der Salesforce-Core, weniger native KI-Funktionen, langsamere Innovation. Bestens für Teams, die heute produktiv damit arbeiten und keinen akuten Handlungsbedarf haben.
Marketing Cloud Growth
Auf Salesforce-Core gebaut, native Anbindung an Sales Cloud, Service Cloud und Data Cloud. Journey-Orchestrierung über den Flow Builder, Agentforce-Integration für AI-gestützte Kampagnen. Email plus SMS in einem Journey. Zielgruppe: KMU und Mittelstand mit bis zu wenigen hunderttausend Kontakten, die ohnehin tief im Salesforce-Ökosystem leben.
Marketing Cloud Advanced
Die Enterprise-Edition mit erweiterter Multi-Channel-Orchestrierung, tieferer Personalization-Logik und höheren Volumen-Grenzen. Sinnvoll für komplexe Enterprise-Setups mit mehreren Marken, hohem Mail-Volumen oder ausgeprägtem KI-Bedarf. Im DACH-Mittelstand selten die richtige Antwort, eher bei größeren Konzernen.
Wann ein Wechsel von Pardot wirklich sinnvoll ist
Bei meinen Marketing-Cloud-Kunden empfehle ich folgende Triage. Wenn drei oder mehr dieser Trigger zutreffen, ist eine ernsthafte Migrations-Bewertung im nächsten Jahr sinnvoll.
- Sie planen ohnehin einen Plattform-Refresh oder ein größeres Marketing-Operations-Projekt in den nächsten 18 Monaten
- Ihre Pardot-Adoption stockt: weniger als 50 Prozent der lizenzierten Funktionen werden produktiv genutzt
- Sie wollen Agentforce, Data Cloud oder Einstein-gestützte Kampagnen einsetzen und brauchen native Integration
- Ihr Marketing-Team will Email plus SMS plus Web-Push aus einer Journey orchestrieren, nicht aus drei Tools
- Sie sind bereits stark in Sales Cloud und Service Cloud, und die Pardot-Insellösung erzeugt Reibung im Daten-Modell
Wenn keiner dieser Punkte zutrifft, ist der Wechsel oft mehr Kosten-Treiber als Wert-Hebel. Eine Migration ist kein Selbstzweck.
Wann Pardot weiter die richtige Wahl bleibt
Anti-FUD ist mir wichtig: Es gibt klare Situationen, in denen ich aktuell vom Wechsel abrate. Eine etablierte Pardot-Instanz ist ein Asset, kein Problem.
- Ihr Setup läuft seit Jahren stabil, mehr als 20 Engagement Studios sind aktiv und liefern messbare Pipeline
- Score- und Grade-Modelle sind gepflegt und funktionieren, der Sales-Trichter wird klar gesteuert
- Das Marketing-Team kennt die Plattform und braucht keine neue Lernkurve
- Sie haben keine offene Anforderung, die Pardot heute nicht erfüllt
- Ihr Budget ist auf andere Themen ausgerichtet (Sales Cloud Optimization, Service-Projekte, Data-Strategie)
Bevor wir in die Migrations-Realität tauchen: Wer den Pardot-Stand seines eigenen Setups sauber dokumentieren will, braucht eine strukturierte Inventur. Diese Inventur ist der wichtigste Schritt vor jedem Lizenz-Gespräch oder Berater-Auftrag.
Migrations-Realität: was geht 1:1, was nicht
Hier liegt der größte Stolperstein, den die meisten Marketing-Teams unterschätzen. Marketing Cloud Growth und Advanced sind nicht "Pardot 2.0". Sie sind eine andere Plattform-Logik, die viele Konzepte umdenkt.
Engagement Studios werden zu Flow-Builder-Journeys
In Pardot bauen Sie Engagement Studios mit verzweigter Logik direkt in der Pardot-App. In Marketing Cloud Growth nutzen Sie den Salesforce Flow Builder, um Customer Journeys zu orchestrieren. Das klingt nach einer kleinen Änderung, ist aber ein Paradigmen-Wechsel: Die Logik liegt jetzt in der Salesforce Core-Plattform, nicht mehr in einer separaten Marketing-App.
In meinem aktuellen Migrationsprojekt für einen B2B-Kunden mit zwölf Engagement Studios planen wir acht Monate, um die Logiken zu übersetzen, zu testen und das Team umzuschulen. Der reine Tool-Wechsel wäre in drei Monaten machbar. Die Komplexität liegt im Mapping der Geschäftslogik, nicht im Daten-Export.
Score-Modelle müssen neu gedacht werden
Pardots Score- und Grade-Modelle übersetzen sich nicht direkt nach Marketing Cloud Growth. Growth nutzt Einstein Lead Scoring oder Data Cloud Calculated Insights. Wer ein gepflegtes Score-Modell hat, muss die Regeln neu in Salesforce-Logik übersetzen, oft mit einem Data-Engineer oder zumindest einem Salesforce-Admin mit Einstein-Erfahrung.
Custom Objects, Forms und Tracking sind Sonderfälle
Pardot Custom Objects laufen direkt im Pardot-Datenmodell. Marketing Cloud Growth nutzt Salesforce Standard- und Custom Objects über Data Cloud. Pardot Forms haben einen anderen Aufbau als die neuen Web-Forms in Growth, und Tracking-Pixel-Logik unterscheidet sich. Wer hier viel customized hat, muss Mapping-Tabellen schreiben und Test-Pläne aufsetzen.
Wie Customer Journeys in Marketing Cloud konkret aussehen, zeige ich anhand von drei Praxisbeispielen im Artikel Marketing Cloud Customer Journeys. Das gibt ein gutes Gefühl dafür, wie sich die Denkweise gegenüber Engagement Studios verändert.
Realistische Aufwände aus echten Projekten
Aus meinen Projekten ein paar konkrete Zahlen, die helfen, die Größenordnung einzuschätzen.
| Migrations-Szenario | Aufwand | Externe Beratung (EUR) |
|---|---|---|
| Klein (3-5 Engagement Studios, einfaches Score-Modell) | 3-4 Monate | 25.000 bis 45.000 |
| Mittel (10-15 Studios, Custom Objects, Forms) | 6-9 Monate | 60.000 bis 120.000 |
| Komplex (20+ Studios, individuelle Score-Logik, viele Integrationen) | 10-14 Monate | 150.000 bis 300.000 |
Diese Zahlen schließen die neuen Lizenzkosten für Marketing Cloud Growth oder Advanced nicht ein. Genaue Preise verhandeln Sie individuell. In meinen Projekten rechne ich konservativ. Wer tiefer in die Frage einsteigen will, was Beratung in solchen Projekten realistisch kostet, findet Details im Artikel Was kostet Salesforce-Beratung? Preise und Tagessätze 2026.
CRM-Checkliste für den Mittelstand Kostenlos
7 Punkte, die Sie vor jeder CRM-Entscheidung prüfen sollten. Kompakt, praxisnah, sofort anwendbar.
Alternative Stacks für kleinere Marketing-Teams
Ich bin Salesforce-Berater, aber ich empfehle nicht jedem Kunden Salesforce. Wer ein kleines Marketing-Team hat oder primär B2C-Newsletter verschickt, fährt mit anderen Tools oft besser.
HubSpot Marketing Hub
Für mittelständische B2B-Unternehmen, die nicht tief in der Salesforce-Welt verankert sind, ist HubSpot oft die schnellere Lösung. Onboarding in zwei bis vier Wochen, klares Pricing, weniger Konfigurations-Komplexität. Eine ausführliche Gegenüberstellung finden Sie im Artikel Salesforce vs. HubSpot: CRM-Wahl für den Mittelstand.
Klaviyo für E-Commerce
Wenn Ihre Kommunikation primär transaktional ist (Bestellbestätigungen, Wiederbestell-Trigger, Customer-Lifecycle-Mails), schauen Sie sich Klaviyo an. Die Plattform ist für E-Commerce gebaut, hat eine direkte Shopify-, Shopware- und Magento-Integration und kostet einen Bruchteil von Marketing Cloud Advanced.
Eigene Lösung mit Make oder n8n und Mailgun
Für sehr kleine Marketing-Teams (zwei bis fünf Mitarbeiter) mit wenig Komplexität: Eine Make.com- oder n8n-Pipeline plus Mailgun oder Brevo (ehemals Sendinblue) als Versand-Engine kann ausreichen. Wir reden über 200 bis 500 EUR monatlich statt 1.500 EUR plus. Tradeoff: Sie haben kein UI für die Marketing-Mitarbeiter, sondern bauen alles als Workflow.
Was Sie in den nächsten 90 Tagen tun sollten
Egal welches Szenario auf Sie zutrifft: Drei Schritte machen sofort Sinn und schaden in keiner Variante.
- Inventur erstellen: Liste aller aktiven Engagement Studios, Score-Modelle, Custom Objects, Forms und Integrationen mit Aufwand und Geschäfts-Wert pro Element
- Stakeholder-Gespräch: CMO, Marketing-Operations, Sales-Lead und Salesforce-Admin an einen Tisch. Ziel ist eine gemeinsame Sicht auf die Zukunft der Plattform
- Salesforce-Roadmap-Webinar besuchen: Salesforce kommuniziert quartalsweise klarer als jede sekundäre Quelle, was tatsächlich passiert. Direkt aus erster Hand
Was Sie nicht tun sollten: hektisch wechseln, weil ein Vertriebler von Salesforce oder einem Wettbewerber Druck macht. Eine fundierte Plattform-Entscheidung plant man, sie wird nicht durch Angst getrieben.
Pardot ist nicht tot. Aber die Innovation findet woanders statt. Wer das versteht, plant ruhig statt hektisch.
Häufige Fragen
Wann wird Pardot offiziell abgeschaltet?
Salesforce hat keinen offiziellen End-of-Life-Termin für Marketing Cloud Account Engagement (Pardot) kommuniziert. Die Plattform bleibt verfügbar, wird gewartet und erhält weiterhin Release-Updates. Strategische Neuentwicklungen fließen jedoch primär in Marketing Cloud Growth und Advanced.
Was ist der Unterschied zwischen Marketing Cloud Growth und Advanced?
Growth zielt auf KMU und Mittelstand, Advanced auf Enterprise mit höheren Volumen, mehr Personalisierungs-Funktionen und tieferer Multi-Channel-Orchestrierung. Beide laufen nativ auf der Salesforce-Core-Plattform mit Data Cloud und Agentforce. Im DACH-Mittelstand ist Growth meist die richtige Edition.
Lohnt sich ein Wechsel jetzt schon?
Wenn Sie Pardot stabil nutzen und das Team produktiv ist: nicht akut. Wenn Sie ohnehin neu aufsetzen, die Adoption stockt oder Sie Agentforce und Data Cloud nutzen wollen: ja, dann sollten Sie Marketing Cloud Growth, HubSpot oder eine Alternative direkt evaluieren.
Lassen sich Engagement Studios 1:1 migrieren?
Nein. In Marketing Cloud Growth orchestrieren Sie Journeys über den Salesforce Flow Builder. Die Logik muss neu modelliert und getestet werden. Bei zehn aktiven Studios planen Sie realistisch sechs bis neun Monate Projektlaufzeit ein.
Was kostet Marketing Cloud Growth?
Marketing Cloud Growth startet bei rund 1.500 EUR pro Monat (Stand 2026). Marketing Cloud Advanced liegt deutlich höher, abhängig von Kontaktvolumen und Modulen. Verhandeln Sie immer individuell und holen Sie ein Vergleichsangebot von HubSpot oder einem unabhängigen Berater ein.
Was passiert mit unseren historischen Pardot-Daten bei einem Wechsel?
Engagement-Daten lassen sich über Data Cloud nach Marketing Cloud Growth übertragen. Score-Historien und Aktivitäts-Daten benötigen oft eine separate Migration. Planen Sie pro Datenquelle einen eigenen Projekt-Stream ein.
Wenn Sie Pardot nutzen und unsicher sind, wann, wie und wohin Sie migrieren sollten: Ich erstelle Ihnen einen Migrations-Fahrplan, herstellerneutral. Wir gehen Ihre Pardot-Nutzung durch, prüfen ehrlich die Alternativen (Growth, Advanced, HubSpot, Klaviyo, Eigenbau) und liefern eine Entscheidungsgrundlage, mit der Ihr Marketing-Team weiß, was als nächstes kommt.